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#artworkoftheweek

Barthélemy Menn - Ländliche Szene am Genfersee, o.J.

   

Barthélemy Menn - Ländliche Szene am Genfersee, o.J.
Öl auf Holz
46.1 x 62.4 cm

Barthélemy Menn (1815-1893) besuchte bereits im Alter von zwölf Jahren den ersten Zeichenunterricht bei einem Vedutenmaler. Nach einer ersten zeichnerischen Ausbildung in Genf reiste er 1833 nach Paris und trat in das Atelier von Jean-Auguste-Dominique Ingres ein, der bald darauf zum Direktor der Académie de France in Rom ernannt wurde. Der junge Künstler folgte seinem Lehrer 1835 nach Italien. Dort malte er Bilder in der freien Natur und schuf zahlreiche Landschaftsstudien.
Nach seiner Rückkehr nach Paris 1838 kam er in Kontakt mit Mitgliedern der Schule von Barbizon, darunter Jean-Baptiste Camille Corot. Die intime, unheroischen Auffassung von Landschaft, begeisterte Menn und er begann selbst die Pleinairmalerei anzuwenden. In dieser Zeit lernte er unter anderem Chopin und Delacroix kennen, die ihm einige Gemälde abkauften. Doch waren die Einkünfte spärlich und Menn musste mangels Aufträge, wie viele andere Schweizer Künstler, sein Leben in Paris aufgeben und 1843 nach Genf zurückkehren. Obwohl er ein Empfehlungsschreiben von Ingres vorlegen konnte, wurde er nicht zum Direktor der Genfer Ecole de Dessin ernannt (auf diese Anerkennung wird er noch weitere 7 Jahre warten müssen). Dies war ein harter Schlag für den Künstler und führte dazu, dass er fortan als Lehrer seinen Lebensunterhalt verdienen musste. Hierbei legte er grossen Wert darauf, dass die eigene Persönlichkeit eines jeden Schülers zum Vorschein gebracht und gefördert wurde. Einer der heute bekanntesten Schüler war Ferdinand Hodler: «Menn hat mir auf eine gewisse Weise beigebracht, mich selbst zu entdecken.»

Ländliche Szene am Genfersee zeigt ein poetisches Licht- und Schattenspiel begleitet von einer gelassenen und positiven Ausstrahlung. Zwei Frauen führen einen Esel, Kühe und Schafe an das Ufer. Ein leeres Kanu treibt auf dem ruhigen See. Die dunklen Wolken ziehen aus dem Bild und der Himmel scheint aufzuhellen. Durch solche harmonischen, entdramatisierten Szenen, gekennzeichnet durch einen gestischen Duktus, unterscheidet sich Menn stark von seinen zeitgenössischen Konkurrenten, die heroische Landschaften konstruierten. Der Kunsthistoriker Jura Brüschweiler schreibt hierzu: «Er befreite es [das Sujet] von bedrohlichen Adlern, albtraumhaften Wolken, entwurzelten Baumstrünken und anderen Elementen, mit denen die Anhänger der gegnerischen Partei ihre grossen Gemälde füllten. Vor allem aber unternahm er den Versuch, mit der vorherrschenden Vorstellung von Vollendung zu brechen […]».

Die französische Pleinairmalerei wurde in Genf nicht geschätzt und Barthélemy Menn, hatte zeitlebens immer wieder mit harten, ignoranten Reaktionen der Kritik zu kämpfen, was dazu führte, dass er eigene Werke verleugnete und vernichtete. Schliesslich zog er sich als Künstler aus der Öffentlichkeit zurück und malte nur noch zum privaten Vergnügen und zwar das was er wollte und konnte - Landschaften in der freien Natur. Heute können seine Werke durchaus als Wegbereiter der klassischen Moderne in der Schweiz bezeichnet werden. Der Maler Eugène Carrière beschrieb die letzten Gemälde von Menn als «Poesie im Raum».