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Intro

Cuno Amiet: Die Apfelernte

Gartenszenen, Blumenstillleben und die Obsternte sind Sujets, die in Amiets künstlerischem Oeuvre immer aufs Neue anzutreffen sind. Nicht zuletzt schöpfte Amiet seine Ideen und die wiederkehrenden Malmotive vom Umfeld, das ihn in seinem Künstleratelier auf der Oschwand umgab. In unserer vierteiligen Amiet-Reihe haben wir bereits über die Oschwand berichtet und einen breiten Einblick in Amiets Werkkatalog erhalten. Nun erachten wir es beinahe unumgänglich, unseren nächsten und zugleich letzten Beitrag Amiets berühmten Obsternten zu widmen. Obwohl kein solches Werk in der bromer art collection vertreten ist, möchten wir die historische Bedeutung des Obsterntemotivs und somit Amiets bedeutende Position als Schweizer Nationalkünstler des 20. Jahrhunderts unterstreichen.

Cuno Amiet, «Apfelernte», 1936, Sgraffito, 650 x 1.250 cm, Fassade Kunstmuseum Bern (Foto: Evelyn Bangerter)

Als Ausdruck seiner Stellung als Nationalkünstler gilt bis heute Amiets grösstes Werk überhaupt: das „Apfelernte“-Wandbild für den Berner Museumserweiterungsbau der Architekten Karl Indermühle und Otto Rudolf Salvisberg. Die «Apfelernte» von 1936 ist «das» Programmbild der Geistigen Landesverteidigung, jener nationalistisch-konservativen Rückorientierung auf die eigene Werte, mit der sich die offizielle Schweiz in den dreissiger Jahren von ihren totalitären Nachbaren kulturell abzugrenzen suchte. Das Motiv: die stämmigen Berner Bäuerinnen bei der Apfelernte. Keinem anderen Künstler ist es so überzeugend gelungen, die damaligen Schlüsselbegriffe helvetischer Identität – rurale Arbeit, ländliche Ursprünglichkeit, nationale Selbstgewissheit – in einer derart daseinsnahen Paradiesbeschwörung malerisch veranschaulichen zu können.

Amiet auf einen volksverbundenen Heimatmaler zu reduzieren, wäre aber zu einseitig. Nicht zufällig verbrachte er in den 1930er Jahren, erstmals wieder seit seiner Studienzeit, regelmässig Zeit in München und Paris. Er suchte im Ausland neue Anregungen für seine Kunst und pflegte mit einem regen Gesellschaftsleben ein weit geknüpftes Beziehungsnetz, um seinen Anspruch, ein internationaler Künstler zu sein, zu demonstrieren. Dies bestätigt der Schweizer Kunsthistoriker und Schriftsteller Gotthard Jedlicka in seinen Worten im Juni 1938, als Cuno Amiet sich in seinem 71. Altersjahr befand: «Die künstlerische Unbefangenheit und Unbekümmertheit Amiets ist eigentlich das Gegenteil dessen, was man von der schweizerischen Kunst, was man von der schweizerischen Malerei erwartet. Er hat dadurch auf die schweizerische Malerei der letzten dreißig Jahre einen großen Einfluss ausgeübt.» Die Stellung, die Amiet innerhalb der Schweizer Kunst der frühen Moderne einnahm, wurde schon zu seinen Lebzeiten als überaus bedeutend eingeschätzt. Davon zeugen die dem Künstler gewidmeten Ausstellungen und Beiträge wichtiger Kunstpublizisten der Zeit. 

Zahlreiche Studien, Drucke und Gemälde zeugen von Amiets fast lebenslanger Beschäftigung mit dem Thema der Obst- und Apfelernte. Auch in eigenen Worten äussert sich der Künstler über seine immerwährende Faszination: «Obsternten haben mich immer angezogen, so wie die frühen Maler immer Madonnen malten.» (Cuno Amiet in einer Ansprache im Kunstmuseum Bern, 14. Juni 1928)

Zum Künstler
Cuno Amiet
Solothurn, CH, 1868 — 1961

Cuno Amiet (28.3.1868, Solothurn - 6.7.1961, Oschwand) malte bereits mit 15 Jahren das erste Selbstbildnis. 1884 lernte er durch seinen Vater den Maler Frank Buchser kennen, bei dem er die folgenden zwei Jahre unterrichtet wurde. Im Herbst 1886 ging Amiet nach München und studierte dort an der Akademie der Bildenden Künste. 1887 begegnete er Giovanni Giacometti, der ein lebenslanger Freund für ihn wird. Im folgenden Jahr reisten sie zusammen nach Paris und Amiet begann ein Studium an der Académie Julian. Ab 1892 war Amiet jedoch zunehmend unzufrieden mit dem Akademieunterricht und entschied sich nach Pont-Aven zu gehen, wo er Gauguin und van Gogh entdeckte und die Grundlagen für seinen Kolorismus legte.
1894 konnte Amiet in der Kunsthalle Basel ausstellen, doch stiess seine Verwendung reiner Farben bei der Kunstkritik vorwiegend auf Ablehnung. 1898 erhielt er den Auftrag, ein Porträt Ferdinand Hodlers anzufertigen, wodurch ein intensiver Kontakt zu dem Künstler entstand und Amiet sich mit dem Jugendstil auseinandersetzte.
1905 stellte Amiet in der Galerie Richter in Dresden aus, wodurch die Brücke Künstler auf ihn aufmerksam wurden. 1906 wurde er von Erich Heckel zur Mitgliedschaft eingeladen und bereits im selben Jahr beteiligte er sich an der ersten Brücke-Ausstellung in Dresden.
1914 zeigte Amiet in einer Einzelausstellung im Kunsthaus Zürich 124 Werke. 1919 wurde ihm der Ehrendoktor der Universität Bern verliehen. Heute gilt Cuno Amiet als einer der wichtigsten Wegbereiter der Klassischen Moderne in der Schweiz.