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Cuno Amiet und das Künstler-Mekka von Pont-Aven

Zunehmend unzufrieden mit dem konventionellen Akademieunterricht in Paris, zog Cuno Amiet 1892 nach Pont-Aven, ein kleines bretonisches Fischerdorf. Durch Bekanntschaften mit anderen Künstlern, die sich ebenfalls in dem Dörfchen aufhielten, fand Amiet in kurzer Zeit zu einem neuen Zeichen- und Malstil, geprägt von klaren Linien, flächigen Formen und reinen Farben.

Der junge Amiet begann seine künstlerische Ausbildung 1886 in München. Hier begegnete er ein Jahr später dem gleichaltrigen Giovanni Giacometti, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verbinden sollte. Beeindruckt von der Malerei, die sie an der «Internationalen Kunstausstellung» im Münchner Glaspalast gesehen hatten, beschlossen die beiden Freunde Deutschland zu verlassen und ihr Studium in Paris fortzusetzen. Ab Herbst 1888 studierten sie an der Académie Julian bei William-Adolphe Bouguereau und Tony Robert-Fleury. Sie teilten sich Unterkunft und Atelier und fanden schon bald Anschluss an den Schweizer Künstlerkreis um Max Leu und Hans Emmenegger. Die Sommermonate verbrachten beide in der Schweiz, zeitweise bei Giacometti in Stampa, aber auch in Solothurn, wo Giacometti sich den von Amiet belegten sogenannten Korrekturstunden bei Frank Buchser anschloss. Den Winter 1891/92 verbrachte Amiet in der Schweiz, um in Zürich die Unteroffiziersschule zu absolvierte. Nach seiner Rückkehr nach Paris nahm er sein Studium an der Académie Julian wieder auf, fühlte sich dort aber zunehmend unwohl. Der starre akademische Unterricht befriedigte ihn nicht mehr und er fühlte, dass er «mit (seinen) Studien in eine Sackgasse geraten war». Auf Anregung des ungarischen Malers Hugo Poll beschloss er schliesslich, Paris zu verlassen und in die Bretagne, nach Pont-Aven zu reisen. «...Als ich im vierten Pariser Studienjahr, da es so gar nicht mit mir vorwärtsgehen wollte, verloren durch die Strassen lungerte, gab mir der Ungar Poll den Rat: Geh zu Mariejeanne nach Pont-Aven...».

Cuno Amiet - Prozession in Pont-Aven, 1892, Öl auf Leinwand, 27 x 41 cm.

Im Mai 1892 erreichte der 24-jährige Amiet das kleine Fischerdorf Pont-Aven. Wie viele andere Künstler wohnte auch er in der Pension der Marie-Jeanne Gloanec, einer bodenständigen, fröhlichen Bretonin um die fünfzig, die «ihre» Künstler wie eine Mutter betreute. Hier lernte Amiet neben vielen anderen Emile Bernard, Paul Sérusier, Armand Séguin und den schottischen Maler Roderic O'Connor, mit dem er sich sehr befreundete, kennen. Insbesondere mit O’Connor tauschte sich Amiet über neue Ziele in der Malerei aus. Diese erschöpften sich nicht mehr in der objektiven Wiedergabe des Gesehenen, vielmehr lautete die Forderung, das subjektive Erleben und Empfindungen mit einzubeziehen; dazu hatten die Künstler die Ausdruckskraft der elementaren Bildmittel entdeckt.  Das anregende Klima im Kreise der Künstlerfreunde und die Auseinandersetzung mit dem Werk van Goghs, Gauguins und Cézannes erwiesen sich für das Schaffen des jungen Amiet als sehr fruchtbar. Besonders die Bilder Gauguins - er weilte zu dieser Zeit bereits in Tahiti und sollte erst nach Amiets Abreise in die Schweiz für ein letztes Mal in die Bretagne zurückkehren - beeindruckten den Künstler tief. «Das grosse Erlebnis», notierte er Jahre später, «war Gauguin und einige Bilder von van Gogh». Amiet wandte sich von der akademischen Tonmalerei ab und begann mit reinen Farben zu malen, die er in betont konturierten Flächen oder in dicht nebeneinander gesetzten Strichen auf den Bildträger auftrug.

Cuno Amiet - Stillleben mit Fayence und Äpfeln, 1893, Tempera auf Leinwand, 49 x 28,6 cm.

Amiet blieb von Mai 1892 bis Juni 1893 im kleinen Fischerdorf, Monate, die für seine künstlerische Entwicklung von nachhaltiger Bedeutung sein sollten. «Dreizehn Monate konnte ich im schönen Pont-Aven verweilen», erinnert sich der Künstler im Rückblick, "und dann musste ich Frankreich verlassen, mein Frankreich, das ich herzlich liebte, das mich beherbergt hatte wie einen seiner Söhne, das mir freiwillig seine schöne Seele offenbarte durch die Kunst. Wenn auch mit leeren Taschen, so doch reich beschenkt mit Gütern höherer Art, kam ich jetzt in meine Heimat zurück».

Die «Prozession in Pont-Aven» gehört zu eben jenem schmalen Werk, das während Amiets Aufenthalt in der Bretagne entstanden ist. Die überaus reizvolle Darstellung einer traditionellen «Pardon», einer religiösen Prozession zu Ehren lokaler Heiliger, ist ohne seine Auseinandersetzung mit dem Werk seiner bretonischen Vorbilder, vorab Gauguin und van Gogh, undenkbar. Auf der Suche nach Licht und Farbe, entwickelte er seine eigene Charakteristik in der pointilistischen Maltechnik. Diese beruht auf dem gleichzeitigen Wechselwirken (Simultankontrast) von kleinen benachbarten Farbtupfern. Durch optische Verschmelzung und additive Farbmischung formen sich die Farbpunkte zu Gestalten. Diesem Prinzip folgend ist der Bildinhalt des Gemäldes auf seine elementarsten Formen reduziert, denn der gesamte Farbeindruck einer Fläche ergibt sich erst im Auge des Betrachters und aus einer gewissen Entfernung. Mit Begeisterung nahm Amiet die Anregungen seiner Künstlerfreunde auf und integrierte sie innerhalb weniger Wochen in seine eigene Ausdrucksweise. Ein sonnig leuchtendes Kolorit und der sichtbar bleibende, prägnant die Bildfläche strukturierende Pinselstrich gehören zu den hervorstechendsten Stilelementen seiner in Pont-Aven entstandenen Bilder, wie es auch das charmante «Stillleben mit Fayence und Äpfeln» zeigt.

Nebst dem Werk von Cuno Amiet besitzt bromer kunst auch das Gemälde „Pont Aven. La Lande de Saint Guénolé“ des französischen Malers Henry Moret, welches er im Jahre 1902 gemalt hatte. Moret kann zu den bedeutendsten post-impressionisten Künstler Frankreichs gezählt werden und wurde während seiner Zeit an der École des Beaux-Arts in Paris von den Künstlern Rudolf Lehmann, Jean-Léon Gérôme und Jean-Paul Laurens unterrichtet. 1888 entdeckte Moret die bretonische Hafenstadt Pont-Aven, wo sich zu dieser Zeit ein Mekka für Kunstschaffende entwickelte. Es bleibt ungewiss, ob sich die beiden Künstler Cuno Amiet und Henry Moret kennengelernt haben. Allerdings ist es offensichtlich, wie das legendäre Fischerdörfchen Pont-Aven für beide ein wichtiger Einfluss in ihrem künstlerischen Werdegang war und ihnen verhalf, einen Schritt in die Moderne zu gehen. 

Henry Moret - Pont Aven. La Lande de Saint Guénolé, 1902, Öl auf Leinwand, 51 x 71 cm.

Cuno Amiet - Prozession in Pont-Aven, 1892, Öl auf Leinwand, 27 x 41 cm.

Cuno Amiet - Prozession in Pont-Aven, 1892, Öl auf Leinwand, 27 x 41 cm.

Cuno Amiet - Stillleben mit Fayence und Äpfeln, 1893, Tempera auf Leinwand, 49 x 28,6 cm.

Cuno Amiet - Stillleben mit Fayence und Äpfeln, 1893, Tempera auf Leinwand, 49 x 28,6 cm.

Henry Moret - Pont Aven. La Lande de Saint Guénolé, 1902, Öl auf Leinwand, 51 x 71 cm.

Henry Moret - Pont Aven. La Lande de Saint Guénolé, 1902, Öl auf Leinwand, 51 x 71 cm.

Zum Künstler
Cuno Amiet
Solothurn, CH, 1868 — 1961

Cuno Amiet (28.3.1868, Solothurn - 6.7.1961, Oschwand) malte bereits mit 15 Jahren das erste Selbstbildnis. 1884 lernte er durch seinen Vater den Maler Frank Buchser kennen, bei dem er die folgenden zwei Jahre unterrichtet wurde. Im Herbst 1886 ging Amiet nach München und studierte dort an der Akademie der Bildenden Künste. 1887 begegnete er Giovanni Giacometti, der ein lebenslanger Freund für ihn wird. Im folgenden Jahr reisten sie zusammen nach Paris und Amiet begann ein Studium an der Académie Julian. Ab 1892 war Amiet jedoch zunehmend unzufrieden mit dem Akademieunterricht und entschied sich nach Pont-Aven zu gehen, wo er Gauguin und van Gogh entdeckte und die Grundlagen für seinen Kolorismus legte.
1894 konnte Amiet in der Kunsthalle Basel ausstellen, doch stiess seine Verwendung reiner Farben bei der Kunstkritik vorwiegend auf Ablehnung. 1898 erhielt er den Auftrag, ein Porträt Ferdinand Hodlers anzufertigen, wodurch ein intensiver Kontakt zu dem Künstler entstand und Amiet sich mit dem Jugendstil auseinandersetzte.
1905 stellte Amiet in der Galerie Richter in Dresden aus, wodurch die Brücke Künstler auf ihn aufmerksam wurden. 1906 wurde er von Erich Heckel zur Mitgliedschaft eingeladen und bereits im selben Jahr beteiligte er sich an der ersten Brücke-Ausstellung in Dresden.
1914 zeigte Amiet in einer Einzelausstellung im Kunsthaus Zürich 124 Werke. 1919 wurde ihm der Ehrendoktor der Universität Bern verliehen. Heute gilt Cuno Amiet als einer der wichtigsten Wegbereiter der Klassischen Moderne in der Schweiz.