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Zürich - Rämistrasse

Equilibre. Lea Krebs - Jessica Russ - Rebekka Steiger

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Wie kaum eine andere Gattung der bildenden Kunst blickt die Malerei auf eine ebenso weittradierte wie wandlungsfähige Geschichte zurück. Ihre künstlerischen Tendenzen haben sich schwankend zwischen einem Repräsentationsmittel der sichtbaren Welt und einer rein ästhetischen Erfahrung über die Jahrhunderte hinweg stark verändert. Mit dem Aufkommen der modernen Fotografie wurde wiederholt das Ende der Malerei proklamiert, sodass sich in Hinblick auf unsere Gegenwart unweigerlich die Frage nach der heutigen Aktualität stellt. Eine indirekte Antwort darauf mag vielleicht das blühende Interesse am breiten Spektrum der malerischen Möglichkeiten sowie der kontinuierlichen Suche nach dem Ausloten von Form, Farbe und Fläche sein. In der Ausstellung Equilibre gehen drei junge Schweizer Künstlerinnen – Lea Krebs, Jessica Russ und Rebekka Steiger – ebendiesem labilen Gleichgewicht nach.

Besuchen Sie auch den Online Viewing Room zur Ausstellung.

Lea Krebs, ohne Titel, 2019

Jessica Russ, Electric Réunion, 2019

Rebekka Steiger, untitled, 2020

Die drei jungen Künstlerinnen erkunden mit ihren Arbeiten das unbändige Potential der zeitgenössischen Malerei. Ausgehend von eigenständigen Herangehensweisen, prozessgeleitet zwischen Zufall, Intuition, Experimenten und präzisen Eingriffen, entsteht ein umfangreiches, doch einprägsames Farb- und Formvokabular, das jede Künstlerin auf ihre Art ausschöpft. Was die drei Positionen verbindet sind ähnliche konzeptuelle Ausgangspunkte, deren ausdrucksstarke Ergebnisse wohl nicht unterschiedlicher sein könnten. Mit den ausgestellten Werken stellt Equilibre nicht nur das Prinzip des malerischen Gleichgewichts vor Augen, sondern bringt auch deren formale Gegensätze in Einklang.

Die Werkgruppen von Lea Krebs (*1984 in Aarau, lebt und arbeitet in Biel/Bienne) zeichnen sich durch ihre besondere Technik aus. Sie setzt die materiellen Eigenschaften der Farbe als Protagonistin ihres künstlerischen Schaffens ein und erprobt ihr Verhalten auf unterschiedlichen Oberflächen. Dazu giesst sie zunächst mehrere Farbschichten auf eine Plastikfolie, die anschliessend mit dem Bildträger abgedeckt wird. Nach kurzem Antrocknen des Acryllacks wird die Leinwand oder das Papier wieder abgezogen, sodass sich die Spuren der Entstehung deutlich einschreiben. Dank diesem Verfahren ergeben sich dichte, reliefartige Farboberflächen, die sich der direkten Einflussnahme der Künstlerin entziehen. Ganz bewusst hingegen wählt sie die spezifischen Farben und deren Formverhältnisse zueinander. Grobe Skizzen und eine Vielzahl von Materialexperimenten gehen den Arbeiten voraus, sodass die abstrakten Farbtopografien auf «geleiteten Zufällen» gründen. Was zunächst als Erkundung auf Papier entstand und die Künstlerin auf Leinwänden fortsetzte, führte vor zwei Jahren zu einzelnen Formfragmenten aus gegossenem Keramin und Acryllack. Die leicht überlagerte, doch offene Anordnung auf einem schmalen Regal veranschaulicht, wie die Künstlerin das malerische Verständnis von Form und Farbe über die rechteckige Bildfläche hinaus entfaltet.

Ausgesprochen systematisch zeigen sich die Gemälde von Jessica Russ (*1988 in Nyon, lebt und arbeitet in Lausanne). Auch ihr künstlerischer Prozess setzt sich mit der Schichtung spezifischer Farben auseinander, deren grafische Präzision jedoch die tatsächliche Entstehung mittels Pinsel und Acrylfarbe beinahe zu leugnen scheint. Während die Künstlerin ihre Gemälde zuerst digital jenseits des Malateliers recherchiert und erstellt, überträgt sie in einem weiteren Schritt die Formen auf die Leinwand. Auch hier greift ein Element des Zufalls ein, denn die spezifischen Farben schöpft Jessica Russ jeweils aus den Resten der Mischungen ihrer vorhergehenden Bilder. Fragmente verschiedener Körper treffen auf einzelne ausschnitthafte, gleichermassen organische wie geometrische Gebilde – einer Art geistigen Landschaft gleich, die stets zwischen Abstraktion und Figuration fluktuiert. Die oftmals wiederkehrenden Formen werden von subtilen Linien überlagert. Sanft streifen sie durch die Bilder, als würde die Künstlerin damit ihre eigenen Gemälde im Sinne eines unbekannten Geländes näher erkunden. Bestimmte Bereiche auf der Leinwand werden zusätzlich umrissen, während sich die Linie an manchen Stellen verselbstständigt und neue Konturen formt. Die rigide Flächigkeit wird auf diese Weise mit den dynamischen Impulsen der Linie herausgefordert. So setzt Jessica Russ zwei Bewegungen, zwei Dimensionen und zwei Zeiten in ein farbgeballtes Gleichgewicht.

Die grosszügigen Leinwände von Rebekka Steiger (*1993 in Zürich, lebt in Zürich, arbeitet in Luzern und Peking) schöpfen ihrerseits die Vielfalt der unterschiedlichen Malmittel und Techniken aus: Die Künstlerin setzt sowohl Ölfarbe und Gouache, als auch Tempera, Tusche und Pastell ein, deren spezifische Eigenschaften einen massgeblichen Einfluss auf ihre Art der Verwendung und die daraus resultierende Wirkung haben. Erneut spielen Zufall und Intuition eine tragende Rolle, denn Rebekka Steiger lässt der Materialität der Farbe in einem ersten Schritt teilweise ihren eigenen Lauf. Die flüssigen Tintenfarben formen durch verschiedene Experimente, wie beispielsweise das Ankippen des Bildträgers, eigene Spuren, denen die Künstlerin schliesslich nachgeht. Leerstellen werden vereinzelt gefüllt, andere Bildpartien übermalt, ergänzt und hervorgehoben. Aus dieser Dichotomie entstehen zahlreiche Bildräume, deren einnehmende, leuchtende Farbigkeit nicht nur auf ihre massgeblichen medialen Eigenschaften verweisen, sondern gleichzeitig wiederkehrende Grundformen einfangen. Wie eine entfernte Erinnerung oder eine flüchtige Fata Morgana zeichnen sich Umrisse von Landschaften, Bergketten oder bestimmten Figuren ab, aber auch abstrakte Elemente wie Kreise, Streifen, Linien und Vierecke. Leicht flimmernd und doch ganz explizit ermöglichen die Gemälde ein ausgeglichenes Nebeneinander von Flächigkeit und Tiefe, Nähe und Distanz, Realität und Fiktion.

Text von Co-Kuratorin Marlene Bürgi

 

 

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