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Land Art - Richard Long

   

Richard Long - A Line Made by Walking, 1967

Land Art hat sich Ende der 1960er Jahre als eine Kunstrichtung in den USA entwickelt. Das anfängliche Ziel war es, die Grenzen der konventionellen Kunstinstitutionen aufzubrechen und neue Ausdrucksmöglichkeiten ausserhalb eines Ausstellungsraumes zu finden. Zu diesem Zweck bedienten sich die Künstler der Landschaft und der Natur.

Richard Long, ein englischer Vertreter der Bewegung, schritt 1967 für sein Werk "A Line Made by Walking, England" geradlinig in einer Wiese auf und ab und hinterliess so eine Spur im Gras. Mit dieser minimalen Veränderung der Natur, die sowohl im Prozess des Entstehens als auch des Verschwindens eine zeitliche Komponente besitzt, verfolgt Long einen konzeptuellen Ansatz mit einer reduzierten Formensprache.

Durch Anhäufen von Erde, Zeichnen im Sand oder Anordnen von Steinen und Blättern schufen die Land Art Künstler mit und in der Natur Kunstwerke, die der Witterung ausgesetzt und daher vergänglich waren. Zudem entstanden Land Art Werke oft an entlegenen Orten und waren für Betrachter nur schlecht zugänglich, weshalb man die Arbeiten folglich meist fotografisch oder filmisch dokumentierte. Der deutsche Filmemacher Gerry Schum präsentierte 1969 in der Fernsehsendung "Land Art", die der Bewegung einen Namen gab, eine Reihe von Videos mit Werken verschiedener Künstler.

Durch Robert Smithson erfuhr Land Art eine weiterführende theoretische Erweiterung. Er interessierte sich für das Wechselverhältnis von Innen und Aussen und prägte die Begriffe "site" und "nonsite". Mit "site" wird ein real existierender Ort im Aussenraum bezeichnet, wobei "nonsite" ein Werk im Innenraum meint, das aus Materialien des realen Ortes besteht und gleichzeitig auf diesen verweist. So verlagerte Smithson etwa im Werk "A Nonsite, Franklin, New Jersey" (1968) Materialien aus Franklin, New Jersey als Stellvertreter dieses Ortes in den Galerieraum und bezieht so den institutionellen Ausstellungsraum wieder mit ein.

Die drei Zeichnungen der "River Avon Mud Drawings" Serie (1989) von Richard Long können im Sinne von Smitshon als "nonsite" Werke bezeichnet werden und entstanden, indem der Künstler ein strukturiertes Stück Papier in den nassen Schlamm des River Avon tauchte, ein Fluss im Südwesten Englands, der durch Longs Heimatstadt Bristol fliesst.
Long selbst bezeichnet die Werke als Zeichnungen, die das Erscheinungsbild des Flussbetts nach der Ebbe widerspiegeln: eine mit Schlamm bedeckte Oberfläche mit einem verzweigten Muster, das der Gezeitenstrom hinterlassen hat. Long hängt die Blätter zum Trocknen auf und dreht sie schliesslich um 180°, so dass sich die vertikal verlaufenden Fliess-Spuren des Schlamms nun nach oben hin verjüngen.

Richard Long - Ohne Titel (River Avon Mud Drawings), 1989

Richard Long - Ohne Titel (River Avon Mud Drawings), 1989

Richard Long - Ohne Titel (River Avon Mud Drawings), 1989

Richard Long - Ohne Titel (River Avon Mud Drawings), 1989

Richard Long - Ohne Titel (River Avon Mud Drawings), 1989

Auch die Arbeit "322" (1998) kann als ein "nonsite" Werk bezeichnet werden und bezieht sich auf denselben Ort wie Longs Mud Drawings: den River Avon. Der schwere Stein scheint in eine regelmässige runde Scheibe gebracht worden zu sein und wurde vielleicht mit einem Werkzeug behauen. Die Oberflächenstruktur wurde dabei aber grob und kantig belassen. Auf dem beigen Stein hat Long in einer ovalen Form weisse, längliche Punkte aufgemalt, wodurch das Objekt nun an ein Auge erinnert. Fast scheint es, als hätten wir einen Kultgegenstand vor uns, der vielleicht aus einer antiken oder indigenen Kultur stammt.

Richard Long - 322, 1998

Richard Long - 322, 1998

Richard Long - 322, 1998

Richard Long - 322, 1998

Zum Künstler
Richard Long
Bristol, 1945

Richard Long (*2.6.1945, Bristol) ist ein britischer Land-Art-Künstler. Long studierte von 1962 bis 1965 am West England College of Art in Bristol und von 1966 bis 1968 an der St. Martin's School of Art in London. 1988 wurde er mit dem Kunstpreis Aachen und 1989 mit dem Turner Preis ausgezeichnet. Sein künstlerisches Werk umfasst konzeptionelle Wanderungen in allen Teilen der Welt, die er fotografisch und textlich dokumentiert. Im Laufe solcher Wanderungen schafft er temporäre Stein- oder Holzskulpturen, die häufig nach der fotografischen Dokumentation wieder entfernt oder der natürlichen Verwitterung überlassen werden. Long lebt und arbeitet in Bristol.