Direkt zum Inhalt
Intro
Roggwil

LINIE - Kreation und Reduktion

bis

Eine Linie kann geschwungen oder gerade sein, dick oder dünn verlaufen, zu Flächen verdichtet werden oder abstrahieren – sie stellt das Grundelement jeglicher zeichnerischen Kreation dar und bildet den Anfang einer zu Papier gebrachten Idee. Die Ausstellung LINIE - Kreation und Reduktion in Roggwil zeigt verschiedene künstlerische Positionen des 19. und 20. Jahrhunderts, die sich in vielfältiger Weise mit der Linie und ihren gestalterischen Möglichkeiten auseinandersetzten.

Besucherinformation
Bitte beachten Sie, dass die Ausstellung in Roggwil nur nach Terminvereinbarung besucht werden kann. Eine Besichtigung kann per E-Mail (galerie@bromer.ch) oder telefonisch (+41 62 918 10 80) vereinbart werden. Ü
ber unseren Online Viewing Room bieten wir Ihnen auch einen virtuellen Einblick in die Ausstellung an.

Albert Anker - Bildnis eines alten Mannes mit Tabakpfeife und Stock, o. J.

Rudolf Urech-Seon - Maria Brandel, 1914

Cuno Amiet - Frau in Umhang, 1917

Cuno Amiet - Frauen in Trachten, o. J.

Erich Heckel - Am Strand, 1925

Erich Heckel - See zwischen Bergen, 1960

Robert Häsler - Majácar 1, 1970

Rudolf Häsler - Entwurf zu Serie Ramblas "Semáforo en rojo", o. J.

Damien Hirst - Billy Mill Roundabout, o. J.

Dirk Salz - # z166, 2016

Heinz Mack - Ohne Titel, 1986

Zur Ausstellung
Zur Ausstellung

Ab dem 19. Jahrhundert konnte eine Aufwertung der Zeichnung in der bildenden Kunst beobachtet werden. Sammler interessierten sich zunehmend für das Medium und betrachteten vor allem fragmentarische, unvollendete lineare Kompositionen als besonders ansprechend und ästhetisch. Ein Wandel vollzog sich: die Zeichnung galt nicht mehr nur als Vorstudie oder Skizze, sondern wurde als eigenständige Kunstgattung angesehen. Die Linie entwickelte sich zur Handschrift des Künstlers und eine tiefergehende Auseinandersetzung mit diesem Gestaltungsmittel begann.

Als Grundelement des gestalterischen Ausdrucks vermag es die Linie in ihrer Summation zu kreieren: durch das Addieren der Linien, das Nebeneinanderlegen und Vervielfältigen, entstehen Schraffuren, die zu Schattierungen verdichtet werden können und somit Plastizität entstehen lassen. In gewissen Kunstwerken, wie etwa im Bildnis eines alten Mannes mit Tabakpfeife und Stock (o. J.) von Albert Anker (1831–1910), blieb dieser Prozess bewusst nach-vollziehbar. An einigen Stellen wurden die Linien sorgfältig verdichtet und lassen die Gesichtszüge und Figuren äusserst naturalistisch erscheinen. In anderen Bereichen des Bildes sind die gezeichneten Striche jedoch reduziert eingesetzt und deuten die Umrisse lediglich an. Der Kontrast dieser verschiedenen Ausführungsgrade verleiht den Arbeiten eine intensive Spannung. Der Betrachter wird aufgefordert, die Linien gedanklich weiterzuziehen und sich dem Prozess des Zeichnens bewusst zu werden. Dieses Gestaltungsmittel wird in der Kunstgeschichte als Non-finito bezeichnet, ein Begriff, der auf das 15. Jahrhundert zurückgeführt werden kann.

Expressionistische Künstler wie Erich Heckel (1883–1970) oder Albert Müller (1897–1926) wendeten die Reduktion auf wenige Linien als ein explizites Gestaltungsmittel an und reizten das Prinzip des Non-finito bis an seine Grenzen aus. Das Gesehene wurde in eine auf ein Minimum an Linien reduzierte Zeichnung übersetzt, bei der die Motive allerdings noch lesbar bleiben. Expressive, schnelle, aber präzise Striche abstrahieren die Figuren und Szenen in wenigen Zügen. Die starken und feinen Linien umfahren die Gestalt, brechen ab und entspringen wieder aus dem Nichts.

In der abstrakten und besonders in der konkreten Kunst wurde, neben anderen Grundelementen, die Linie zum Hauptmotiv. Wassily Kandinsky (1866–1944) definierte diese 1926 in seiner theoretischen Abhandlung Punkt und Linie zu Fläche als „die Spur des sich bewegenden Punktes, also sein Erzeugnis. Sie ist aus der Bewegung entstanden — und zwar durch Vernichtung der höchsten in sich geschlossenen Ruhe des Punktes. Hier wird der Sprung aus dem Statischen in das Dynamische gemacht.“ Durch die Bewegung besitzt die Linie die Macht, Gefühle auszudrücken, die Kandinsky als Klänge und Kräfte bezeichnet. Die Linie kann kraftvoll, unsicher, heiter, schneidend, spontan, statisch, ruhig, oder schwungvoll sein. Keine andere geometrische Form vermag in dieser Reduktion Emotionen abzubilden.

In # z166 (2016) von Dirk Salz (*1962) oder Billy Mill Roundabout (o. J.) von Damien Hirst (*1965), tritt die Linie selbst in den Mittelpunkt. Die rein abstrakten, linearen Konstruktionen, bestehend aus Geraden und Kreisen, sind durch eine starke Auseinandersetzung mit Zeitlichkeit und visueller Erfahrbarkeit geprägt. Die feinen Linien durchlaufen in einer gleichmässigen wiederholenden, geradezu hypnotischen Bewegung das Papier, sodass das Bild bei längerem Betrachten beinahe zu flimmern beginnt.

Ein experimenteller Umgang mit der Linie ist bei Heinz Mack (*1931) oder Richard Long (*1945) zu sehen. In der Arbeit Ohne Titel (1986) von Heinz Mack lösen sich die vertikalen Linien auf und verteilen sich wie feine Nebelschwaden auf dem Papier. Richard Long experimentierte in seinen River Avon Mudd Drawings (1989) mit der von der Natur gezeichneten Linie, indem er Papier in ein Flussbett legte und die Gezeiten darüber strömen liess. Richard Long schuf hier ein Gegenstück zu seinen Land Art Aktionen – wie etwa A Line Made by Walking, England (1967), bei denen er selbst Linien in der Natur hinterliess – und lässt in diesen Papierarbeiten das schlammige Wasser die Linien zeichnen. Indem die nicht von Menschenhand gemachten Spuren ein paralleles, unregelmässiges, vom Zufall geprägtes Linienkonstrukt bilden, bei dem die Natur selbst die Künstlerin ist, erreicht Long in diesen Arbeiten auf Papier eine weiterführende Ausdrucksebene.

 

Ausgestellte Werke von: Albert Anker, Cuno Amiet, Ernest Biéler, Ignaz Epper, Stéphanie Guerzoni, Rudolf Häsler, Erich Heckel, Damien Hirst, Richard Long, Albert Müller, Heinz Mack, Dirk Salz, Rudolf Urech-Seon, Hildegard Weber-Lipsi, u.a.