Direkt zum Inhalt
Intro

Rudolf Häslers Neptunbrunnen

Von 1985 bis 1990 malte Rudolf Häsler mit akribischer Detailliebe an seinem 150 x 265 cm grossen Neptunbrunnen-Werk. Versucht man vor dem geistigen Auge die Fluchtlinien der Bildperspektive nachzuziehen, bemerkt man, dass der Künstler den Brunnen aus einer perspektivisch verzogenen Sicht wiedergibt; die Gesamtheit der monumentalen Brunnenkomposition einfassend, stellt er die Szenerie aus einer Art Weitwinkel-Perspektive dar. Dieser weite Blick integriert im rechten Bildrand das Mauerwerk der Nordwestecke des Palazzo Vecchio auf der Piazza della Signoria in Florenz und links das bronzene Reiterstandbild des Großherzoges Cosimo I. de’ Medici. Hinter dem marmornen Brunnen sind Florentinische Renaissancegebäude erkennbar. 

Rudolf Häsler, «Neptun Brunnen. Florenz», 1985-90

An dem Wettbewerb zur Gestaltung des Neptunbrunnens 1559 nahmen die bedeutendsten Florentiner Künstler teil. Die Wahl fiel auf Bartolemeo Ammannati, der mit der Darstellung des Meeresgottes Neptun zugleich das passende Herrschaftssymbol für den Auftraggeber Cosimo I. de’ Medici bot. Neptun steht im Kontrapost auf einem von vier Seepferden gezogenen Wagen. Am Sockel sind Muscheln, Fische und Meeresschlangen dargestellt.

Den Brunnenrand des achteckigen Marmorbeckens schmücken symmetrisch angebrachte, elegant bewegte Bronzefiguren in sehr unterschiedlichen Posen: Auf erhöhtem Sockel sitzen die Meeresgottheiten Thetis, Doris, Okeanus und Nereus, die von Nymphen, Satyrn und Faunen umgeben sind.

Bronze Statue am Neptunbrunnen

Häsler verzichtet in seiner Komposition den Torso der Kolossalfigur darzustellen, doch er vermag die schmückenden Brunnenfiguren in ihrer ganzen Plastizität einzufangen. Der Künstler imitiert die Maserung des weißen Carrara-Marmors und selbst die oxidierte Oberfläche der Bronzefiguren gibt er malerisch wieder. 

Imitation der Maserung des weißen Carrara-Marmors

Ein einzigartiger Vertreter der Fotorealismus

Häslers fotorealistische Malweise lässt das Gemälde auf ersten Blick wie eine Postkarte erscheinen, doch bei genauerer Betrachtung offenbart die verzogene Perspektive zugleich ein surreales Gefüge, welches sich dem menschlichen Auge so nie präsentieren würde; die übereinandergelegten Ansichten im Bild suggerieren eine Synthese aus Wirklichkeit und Fiktion. Genau diese Diskrepanz ist es, welche die Virtuosität Häslers auszeichnet und ihn dadurch zu einem einzigartigen Vertreter der Fotorealistischen Strömung macht.

Aufnahmen des Neptunbrunnens in Florenz
Fotografie des Neptunbrunnens in Florenz heute
Fotografie des Neptunbrunnens in Florenz heute
Fotografie des Neptunbrunnens in Florenz heute
Zum Künstler
Rudolf Häsler
Interlaken, 1927 — 1999

Rudolf Häsler (29.7.1927, Interlaken - 18.1.1999, Sant Cugat del Vallès) war ab 1947 in Interlaken als Primarlehrer tätig. Gleichzeitig nahm er aber Malunterricht und reist durch Europa. 1952 gab er seinen Lehrerberuf auf und widmete sich komplett der Kunst. Reisen in die Sahara, nach Sevilla, Granada, Italien, Jugoslawien und Andalusien folgten. 1956 lernte er in Granada die Kubanerin María Dolores Soler kennen. 1957 reiste er mit ihr in ihre Heimatstadt Santiago de Cuba und heiratete sie dort. Fasziniert von dem Land, entschied sich Häsler in Kuba zu bleiben und gründete dort eine Familie.
Auf Kuba erlebte Häsler den Höhepunkt der Kubanischen Revolution von dessen Aufbruchsstimmung er selbst begeistert war. Er wollte sich aktiv an diesem gesellschaftlichen Wandel beteiligen und schloss sich einer Künstlergruppe an, die sich insbesondere der Kunst am Bau widmete. Weiter entwickelte er ein Konzept zum Aufbau einer landesweiten Keramik-Industrie, welches von der Regierung genehmigt wurde. Er stieg zum geschäftsführenden Berater im neugegründeten Nationalinstitut für Kunstgewerbe auf und wurde 1960 zum Direktor befördert. Nach dem argentinischen Revolutionshelden Ernesto «Che» Guevara, der damalige Industrieminister, war Häsler damals der zweithöchste ausländische Abgeordnete im kubanischen Staat.